Der bislang unbenannte Platz am Ostertorsteinweg Ecke Wulwesstraße erhält einen Namen: Ab 31. August heißt er offiziell Ulrichsplatz. Auf einer unterhalb des Straßenschildes angebrachten Legende wird der Name des Platzes mit dem folgenden Text amtlich erläutert: "Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895), Vorkämpfer für die rechtliche Gleichstellung der Schwulen und Lesben."
Eine Anfang des Jahres gegründete Ulrichsplatz-AG bereitet derzeit die feierliche Platzeinweihung unter dem Motto "Festa sulla Piazza" vor. Der italienische Titel (dt.: Fest auf dem Platz) verweist auf Ulrichs Emigration nach Italien, wo er die letzten 15 Jahres seines Lebens verbrachte und auch heute begraben liegt. Nach Stellungnahme des Bremer Staatsarchivs besitzt die homosexuelle Bürgerrechtsbewegung "mit dem Juristen Karl Heinrich Ulrichs (...) eine in der Tat profilierte Persönlichkeit, die im Straßenbenennungsverfahren grundsätzlich Berücksichtigung finden sollte."
Ulrichs engagierte sich neben seinen sexualwissenschaftlichen Forschungen über das "Räthsel der mannmännlichen Liebe" insbesondere für die homosexuellen Opfer von Erpressern und Justiz. Im Jahr 1867 intervenierte er in Bremen für den angeklagten Bremer Theaterdirektor Friedrich Carl Feldtmann, der im Dezember 1867 aufgrund dieses Einsatzes "nur" zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wird. Diesem Umstand trägt die räumliche Nähe des Platzes zum heutigen Theater am Goetheplatz Rechnung.
Zu würdigen sind ferner Ulrichs zahlreiche Eingaben an die Strafrechtskommissionen des Norddeutschen Bundes, in denen er als Betroffener und damit ohne Rücksicht auf seine soziale Stellung Straffreiheit für die, wie er sie nannte, "urnische Geschlechtsliebe" einforderte. Einer seiner Gegenspieler war seinerzeit der Bremer Senator Dr. Ferdinand Donandt (1803-1872), der den Straftatbestand ausgedehnt und auch die lesbische Sexualität bestraft wissen wollte. Donandt konnte in der zuständigen Bundeskommission immerhin die Erhöhung des Strafrahmens durchsetzen (bis zu fünf Jahren Gefängnis), eine Formulierung, die dann Eingang in das Deutsche Strafrecht von 1871 fand.
Die Ulrichsplatz-AG hat den Senatspräsidenten Henning Scherf eingeladen, den Platz persönlich einzuweihen. Zudem ist der Vorstandsvorsitzende der Bremer Straßenbahn AG gebeten, ein Grußwort an die Anwesenden zu richten. Die BSAG hat sich nämlich dazu bereit erklärt, die Straßenbahnhaltestelle Wulwesstraße in Ulrichsplatz umzubenennen.
Die Einweihungsfeierlichkeiten starten am Samstag, den 31. August 2002 um 16 Uhr auf dem neuen Ulrichsplatz. Nach der offiziellen Einweihung feiert die Bremer schwul-lesbische Gemeinde das Ereignis mit einem Kulturprogramm. Im Anschluss daran sind Musik und Tanz bis in die Nacht angesagt.